16.03.2009 Tag 17: Nouakchott nach Saint-Louis, Senegal
Je weiter man von Marokko aus nach Süden vordringt, desto mehr verlieren sich Verkehrsregeln im Chaos. Nouakchott, die einzige Stadt Mauretaniens, die wir auf unserer Reise anfuhren, lieferte uns eindrucksvolle Bilder eines konfusen Verkehrssystems, welches man hochaufmerksam und ständig bereit zum Hupen durchqueren muss.
Man überholte uns rechts auf dem Bürgersteig, wobei dieser aus einer fünf Meter breiten Staubpiste besteht. Passanten werden hupend oder leicht tuschierend zur Seite gedrängt. Hochriskante Überholmanöver, bei denen uns der Atem stockte, gehören zum gewohnten Straßenbild. Vordrängeln und Abdrängen im Kreisel mit gleichzeitigem Hupkonzert erfuhren wir am eigenen Leib.
Wir verließen den Großraum Nouakchott nach Süden über einen Industriebezirk, eine wirklich trostlose und lebensfeindliche Umgebung, in der trotz alledem immer wieder Wellblechhütten mit uns winkenden Bewohnern auftauchten. Was der gesamten Szenerie allerdings ihren traurigen Charakter verleiht ist der Müll. In welche Himmelrichtung man auch blickt. Unser Weg Richtung senegalesische Grenze wird gesäumt von unvorstellbaren Müllbergen, dessen Ausdehnung nicht deren Höhe uns den Atem stocken lässt. Unaufhörlich ist der Abfall der menschlichen Zivilisation im Lebensraum der Bevölkerung präsent. Man lebt auf und mit dem Müll, Tier und Mensch. Wir haben den Eindruck man würde versuchen, Plastikflaschen zu kompostieren. Es ist mit unserer Einstellung und dem Wissen über Naturschutz nicht nachvollziehbar, wie jeder einzelne hier mit seiner Umwelt umgeht.
Die Fahrt im Konvoi war recht unspektakulär, bis wir auf eine Piste abbogen und aufgrund eines Reifendefekts eines unserer Motorräder halt machten. Obwohl wir uns in einer ländlichen Gegend mit nur einer Hand voll Hütten befanden, kamen binnen kürzester Zeit aus allen Richtungen Massen von Kindern heran gelaufen, die um Geschenke bettelten. Auf unserer weiteren Reise sollten uns immer wieder Kinder begegnen, die nach Stiften, Papier, Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten fragten. Die Kinder beherrschen nur ein bruchstückhaftes Französisch, mit dem sie durch die Reihen der Fahrzeuge gingen und ihr Glück versuchten. Frauen wurden mit Monsieur oder Sir angesprochen und vollständige Sätze brachte kein Kind zustande. Worte wie „cadeau“ (Geschenk) oder „stylo“ (Stift) brannten sich in unser Gedächtnis ein. Wir werden diese Bilder so schnell nicht vergessen.
Kurz vor der senegalesischen Grenze durchquerten wir auf einem Damm einen Naturschutzpark. Wir wurden von der Rallye-Leitung informiert, dass 10 EUR pro Auto zu entrichten seien. Der Wächter jedoch machte seine eigenen Preise. Wir hatten 20 EUR zu zahlen. Das ist Afrika pur. Die Piste war in einem miserablen Zustand. Im Schneckentempo tasteten wir uns von Schlagloch zu Schlagloch. Dabei nutzten wir auch Strecken neben der Piste, da diese teilweise in einem besseren Zustand waren. Wir wählten die linke Seite, also die Seite im Gegenverkehr. Nach einigen hundert Metern kam uns ein Fahrzeug entgegen, worauf wir wieder auf den Damm fuhren. Doch was wir nicht früh genug erkannten war eine der zahlreichen Abflussrinnen, die eine Tiefe von bis zu einem halben Meter aufweisen. Tim hatte zur Erfrischung gerade eine Dose Ananas geöffnet, die bei der Vollbremsung und dem Sprung durch die Rinne quer durch den Innenraum flog. Irene hatte tatsächlich die härteste aller Härteprüfungen unbeschadet überstanden. Deutliche Spuren am Ölwannenschutz waren sichtbar, doch es hat keine Schäden am Fahrzeug gegeben.
Der Grenzübergang zum Senegal hat unsere Geduld abermals auf die Probe gestellt. Hatten wir bei dem Grenzübertritt von Marokko nach Mauretanien bereits Übung im Warten gesammelt, hatten wir an dieser Stelle die Möglichkeit, unsere Fähigkeiten in diese Richtung weiter auszubauen. Erschwerend kam hinzu, dass wir die ganze Zeit über von „cadeau“-Kindern belagert wurden. Nachher erfuhren wir, dass einige Schweizer Teilnehmer kein Visum hatten. Deshalb zog sich die Prozedur bis in die Nacht hinein. Gegen elf setzte sich der Konvoi in Richtung Saint-Louis in Bewegung.
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